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Experteninterview Dr. Wolfgang Sohn
"Es ist wichtig, dass wir regelmäßig nachfragen"
Dr. Wolfgang Sohn ist niedergelassener Allgemeinmediziner in Schwalmtal und trainiert Medizinstudenten an der Universität Düsseldorf in Arzt-Patienten-Kommunikation.
Ab welchem Alter sollte die Frage nach der Blasenfunktion zum Anamnesegespräch gehören?
Eigentlich schon ab einem Alter von 20 Jahren. Es gibt eine Studie an Krankenschwestern, die belegt, dass Belastungsinkontinenz bereits in diesem Alter in einer Größenordnung von 3 % auftritt. Kommt ein neuer Patient zu uns, müssen wir ihn ja erst einmal kennen lernen, um ihn behandeln zu können. Dazu gehören unter anderem folgende Fragen: Wie ist ihre familiäre Situation? Ist ihre Sexualität befriedigend? Erleben sie derzeit eine Belastungssituation? Wie ist ihre finanzielle Situation? Wie schlafen Sie? Haben Sie Allergien? Wie sieht ihre Selbstmedikation aus? Und eben auch: Verlieren sie ungewollt Harn oder Stuhl?
Heute wird offen über jedes Wehwehchen gesprochen. Warum ist es so peinlich zuzugeben, dass man Blasenprobleme hat?
Weil es einen infantilen oder geriatrischen Bewertungshintergrund hat. Einfach gesagt: Man macht sich ungewollt in die Hose, wenn man ein Säugling oder eben sehr alt ist. Das ist "kindisch" und bedeutet Autonomieverlust. Man ist auf fremde Hilfe angewiesen. Darüber hinaus ist es mit hygienischen und gesellschaftlichen Nachteilen verbunden.
Fällt es eher jüngeren oder älteren Patienten schwer, darüber zu sprechen?
Das hängt mehr von der Persönlichkeitsstruktur ab als vom Alter. Ich habe unter anderem eine 75-jährige Patientin, der es extrem unangenehm war. Aber hinterher hat sie festgestellt, dass man darüber reden kann und es noch unangenehmer ist, unberaten aus diesem Thema herauszugehen.
Weil sie auch keinen Mut hatte, ihre Kinder zu fragen, ob sie nicht mal im Internet schauen könnten, was es zum Thema überaktive Blase alles gibt. Blasenschwäche gehört zu den Problemen, die viele unter sich ausmachen.
Warum ignorieren und verharmlosen viele Ihrer Kollegen Blasenschwäche?
Weil es lästig ist. Und weil sie es nicht gelernt haben, mit den Patienten zu sprechen. Viele Ärzte zucken vor längeren Gesprächen zurück, weil ihnen im Studium kein klares Konzept dafür vermittelt wurde. Arzt-Patienten-Kommunikation ist bis heute kein Bestandteil der Medizinerausbildung. Sprechen können - viele Ärzte glauben: Das hat man oder man hat es nicht. Aber es ist sehr wichtig, dem Patienten regelmäßig eine Gesprächsbasis anzubieten. Vor allem bei den Älteren muss man nachfragen. Beispiel: Ein Patient klagt über Schlafprobleme und gibt auf die spätere Frage nach der Blasenfunktion an, nachts fünf oder sieben Mal zur Toilette zu müssen. Fazit: Er braucht kein Schlafmittel, sondern eine Blasentherapie.
Wie lange tragen die Patienten ihr Problem mit sich herum, bevor sie einen Arzt ins Vertrauen ziehen?
Nach meiner Erfahrung über Jahre. Wir wissen aus Umfragen, dass Menschen mit Depressionen oder Rückenschmerzen im Schnitt erst nach sieben Jahren einen Facharzt konsultieren. Bei Inkontinenz ist es ähnlich. Es gibt viele Dinge, von denen vor allem ältere Patienten denken, sie seien normal oder zumindest dem Alter entsprechend: "Was soll ich dem Doktor die Zeit stehlen und ihm sagen, meine Blase ist nicht dicht? Das haben doch alle meine Bekannten!" So entsteht ein falscher Maßstab für etwas, das scheinbar normal ist. Deshalb sind unsere Kontrollfragen auch so wichtig.
Sind die Therapieerfolge bei jüngeren Patienten besser als bei älteren?
Eines stimmt natürlich: Je jünger der Patient, desto besser ist es - sowohl von der Verständnisfähigkeit, der Motivation und der körperlichen Fähigkeit, sich zu regenerieren. Alte Menschen denken oft, dass Physiotherapie - also auch Beckenbodentraining - bei Alten nichts mehr bringt. Das stimmt zum Teil, weil ihre Muskulatur viel länger braucht, bis sie trainiert ist. Altwerden ist wie schwimmen gegen den Strom: Tut man nichts, treibt man ab. Muskulatur bleibt nur erhalten, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Der Effekt eines Beckenbodentrainings ist aber auch ganz wesentlich von der fachlichen Qualität des Therapeuten und seiner Fähigkeit zu motivieren abhängig. Unsere Patienten fahren teilweise 40 bis 70 Kilometer, weil weiter weg exzellente Therapeuten sitzen.
Bei älteren Patienten sind zudem Nebenerkrankungen zu beachten, was mitunter die medikamentöse Therapie erschwert, da eventuelle Wechselwirkungen der Antimuskarinika mit anderen Arzneimitteln berücksichtigt werden müssen.
Ich habe mir aber abgewöhnt, es am Alter festzumachen. Entscheidend ist, ob der Patient mitmachen will. Deshalb ist es wichtig herauszufinden: Wodurch ist er wirklich betroffen? Wie weit hat sich sein Alltag tatsächlich verändert? Ist er eher hoffnungslos und sagt: "In meinem Leben geht sowieso alles schief. Und jetzt auch noch das!" Oder gehört er zu denen, die sagen: "Nee, Doktor! Ich höre Ihnen jetzt aufmerksam zu. Sagen sie mir, was zu tun ist und ich mach` das." Dieser Typ nimmt Beschwerden als Herausforderung an, beginnt innerhalb einer Woche mit der Therapie. Den anderen, die ablehnen, muss man mehrfach das Angebot machen.