Inhalt

Experteninterview Prof. Dr. Theodor Klotz

"Rechtzeitig therapieren statt später pflegen"

Die Menschen werden immer älter. Und mit dem Alter nehmen Blasenprobleme zu. Nach Modellrechnungen von Prof. Dr. Theodor Klotz, Urologe und Gesundheitswissenschaftler am Klinikum Weiden, belaufen sich bereits heute die jährlichen Kosten, die durch die überaktive Blase entstehen, auf ca. 4-5 Milliarden Euro. Sie liegen damit in der Größenordnung der Kosten, die durch Demenz (5,6 Mrd.) und Diabetes mellitus (5,1 Mrd.) entstehen. Der Löwenanteil entfällt auf Hilfsmittel, Pflegekosten und Behandlung der Krankheitsfolgen. Aber nur zwei (!) Prozent der Summe werden für Medikamente ausgegeben.

Wir hoch sind die Krankheitskosten pro Patient im Schnitt?

Die Pflegeversicherung zahlt jährlich für die stationäre Pflege rund 5.300 €, bei ambulanter Hilfe 3.700 €. Die Gesetzliche Krankenversicherung noch einmal 1.100 € (stationär) bzw. 700 € (ambulant). Dann haben die Patienten noch eine Eigenbeteiligung von etwa 400 € - für Arztbesuche, Salben gegen Hautinfektionen, Vorlagen, Beckenbodentraining etc. Die Kosten in unserer Modellrechnung werden entscheidend beeinflusst von der Zahl der Pflegepatienten.

Ein hoher Anteil wird in Pflegeheimen versorgt. Ein Pflegepatient hat fast immer Blasenprobleme, oft Harnwegsinfektionen und sehr häufig Symptome einer überaktiven Blase. Wenn man in unserem Modell den Anteil von Patienten mit notwendiger stationärer oder ambulanter Pflege nur um ein paar Prozent verändert, verändern sich die Gesamtkosten gleich um eine halbe Milliarde Euro.

Warum werden so wenige Patienten therapiert?

Zum einen, weil das Syndrom als altersspezifisch angesehen wird. Es ist ja nicht von heute auf morgen da, sondern man merkt schleichend, dass das Wasserlassen schlechter wird. Ist der Leidensdruck dann so groß, dass der Betroffene zum Arzt geht, unterschätzt dieser oft das Problem. Vor allem, wenn andere Erkrankungen wie Diabetes mellitus vorliegen, die medizinisch als wichtiger eingeschätzt werden. Und das dritte ist, dass Hausärzte und Gynäkologen, die ja die ersten Ansprechpartner sind, gar nicht die Vielfalt der therapeutischen Optionen kennen: vom Verhaltenstraining über die medikamentöse Therapie, wie die Antimuskarinika, bis hin zu den operativen Optionen - zum Beispiel Botoxinjektion oder Blasenaugmentation.

Die Betroffenen fragen einerseits erst sehr spät um Rat und scheitern dann an ihrem Hausarzt?

Genau. Denn das Thema wird oft bagatellisiert. Diagnostik und Therapie werden nicht in dem Maße vorangetrieben, wie es möglich wäre. Das heißt nicht, dass wir alle Patienten erfolgreich behandeln können. Auch Medikamente haben ihre Grenzen. Bei einem bettlägerigen 90-Jährigen mit Blasenkatheter sind die therapeutischen Optionen nicht mehr sehr groß. Aber bei einer 65-jährigen Patientin mit überaktiver Blase, die über häufiges Wasserlassen klagt, haben wir - wenn urologische Erkrankungen wie Belastungsinkontinenz, Tumoren, Infekte etc. ausgeschlossen bzw. behandelt worden sind - eine große Chance, sie mit spezifischen Medikamenten und Verhaltenstherapie gut einzustellen.

Oft nehmen die Patienten ihre Tabletten nur kurze Zeit. Warum?

Ein Grund ist sicher die Budgetproblematik bei den Hausärzten, zu denen wir Urologen die Patienten ja sinnvollerweise zurücküberweisen. Ein anderer Grund sind die Nebenwirkungen, die dann verstärkt auftreten, wenn die Präparate nicht individuell dosiert werden. Treten Obstipation, Mundtrockenheit und Schwindel verstärkt auf, ist die Einnahmedisziplin schnell im Eimer. Man lässt die Tabletten weg und akzeptiert lieber die Symptome der Blasenschwäche. Vor allem bei älteren Patienten kommt oft noch eine ausgeprägte Begleitmedikation dazu: Bei 6, 7, manchmal 8 Tabletten morgens, mittags und abends ist man froh um jede, die man glaubt, nicht mehr nehmen zu müssen.

Wie lässt sich die Compliance verbessern?

Die Einstellung auf Antimuskarinika ist insgesamt sehr individuell. Der Patient muss wissen, dass diese Medikamente nicht von einem Tag auf den anderen wirken. Bei einem Wiedervorstellungstermin nach 10 bis 14 Tagen sehen wir, wie er damit zurechtkommt. Hat es nicht geholfen, kann man die Dosis erhöhen oder den Wirkstoff wechseln. Hat es geholfen, kann man mit der Dosis etwas `runtergehen. Bei der Erstverschreibung sollten auf jeden Fall zwei bis drei Folgetermine eingeplant werden.

Die "beste" Krankheit ist die, die man gar nicht erst bekommt. Lässt sich der überaktiven Blase in irgendeiner Form vorbeugen?

Bei allen altersabhängigen urologischen Erkrankungen, sowohl der gutartigen Prostatavergrößerung, dem Prostatakarzinom und der überaktiven Blase, spielt die Lebensweise ganz klar eine mitentscheidende Rolle. Eine Fitness-orientierte Lebensführung so früh wie möglich - damit meine ich nicht Marathon! - verlängert nicht nur das Leben, verhindert Muskelabbau und Senilität, sondern hat auch einen günstigen Einfluss auf Blasenentleerungsstörungen und erektile Dysfunktion. Man kann Krankheiten nicht immer verhindern - aber um fünf bis zehn Jahre hinausschieben. Wir nennen das Morbiditätskompression.

Zum Sport gehört auch eine gesunde Ernährung. Wir wissen, dass Menschen, die in mediterranen Regionen leben, deutlich weniger Blasenprobleme haben als die in den nördlichen Ländern. Übergewicht zu vermeiden ist ebenfalls wichtig, denn bei Adipositas sehen wir eine deutliche Steigerung der Prävalenz der überaktiven Blase.