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Interview mit einer Patientin

Interview mit einer Patientin (40 Jahre), die nach einem Schlaganfall an überaktiver Blase litt und lange Zeit keine Hilfe erhielt.

Sie haben eine längere Krankengeschichte hinter sich, aber was war für Sie eigentlich das Schlimmste, was hat sie am meisten gestört an der überaktiven Blase?

Der soziale Kontakt ging verloren. Ich war zu Hause im Prinzip festgenagelt und habe mich nicht mehr getraut wegzugehen. Ich konnte kein Auto fahren und war auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um zum Arzt zu kommen oder zum Einkaufen, was mit Umsteigen verbunden war. Ich habe mich oft nicht getraut, das Haus zu verlassen, weil ich nicht wusste, ob ich es bis zur nächsten Toilette schaffe. Ich habe auch keine sportlichen Aktivitäten mehr durchgeführt, war bei keiner Veranstaltung. Alles, was mir Spaß gemacht hat, habe ich sein lassen und war wirklich nur noch zu Hause, weil ich tagsüber 20 bis 30 Mal zur Toilette musste. Abends musste ich nicht mehr so häufig zur Toilette und nachts musste ich nur einmal raus - wenn überhaupt. Ich bin allerdings schlecht eingeschlafen durch die Tagesgeschehnisse. Es hat mich gequält, wenn mal etwas schiefgelaufen ist und ich doch Urin verloren habe. Man schämt sich und denkt: hoffentlich hat es keiner mitbekommen. Man fährt alles ganz runter und vereinsamt zu Hause, weil man über die Probleme nicht mit jedem reden kann.

Das wäre meine nächste Frage gewesen, wie haben Sie es Ihrem Umfeld kommuniziert? Haben Sie es jemandem erzählt? Haben Sie Hilfe gesucht?

Ich habe versucht es zu verstecken und wenn jemand gefragt hat, "Warum sollen wir denn immer nur zu dir kommen?", gesagt, dass es an unserem Kind liegt oder einen anderen Grund gefunden, damit die Leute zu mir kommen. Ich wusste nicht, ob sie in ihrem Gäste-WC einen Eimer haben, in den ich die Binden tun kann - falls sie den Eimer nicht jeden Tag leeren, hätte vielleicht das Bad angefangen zu riechen. Das war furchtbar. Veranstaltungen, wie zum Beispiel die Fußball-EM, zu besuchen, war für mich undenkbar: Wo mehrere hunderttausend Menschen sind, kann ich nicht rechtzeitig zur Toilette kommen.

Ich hab` Ausreden benutzt, habe es versteckt und versucht, das Thema zu vermeiden. Oder ich habe gesagt, dass ich mich erkältet habe. Es war mir peinlich.

Das heißt, Sie wussten auch gar nicht, dass Sie eine Krankheit haben, gegen die man etwas tun kann?

Im Prinzip nicht. Ich dachte, ich bilde mir das alles ein und die Symptome sind psychisch bedingt. Es hat mir auch keiner gesagt, dass es durch meinen Schlaganfall bedingt sein könnte. Wenn man mir die richtigen Fragen gestellt hätte, wäre man vielleicht schon eher auf die Ursache gestoßen. Meine Urologin hat mir einen Fragebogen und ein Miktionstagebuch vorgelegt, die ich ausgefüllt habe. Damit war eindeutig geklärt, dass es keine Einbildung von mir ist und ich tatsächlich eine überaktive Blase habe. Ich habe mich letztendlich schon als Lügnerin gefühlt. Ich habe geglaubt, man traut mir nicht und denkt, dass ich meine Krankheit verlängern will, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Ich war wirklich am Ende.

Das heißt, Sie waren auch entsprechend verzweifelt?

Ja, verzweifelt ist das richtige Wort.

Sie haben dann eine medikamentöse Therapie begonnen. Wie geht es Ihnen heute?

Eigentlich habe ich mein Leben zu fast 100 % zurück. Diese Blasenproblematik ist bei mir kein Thema mehr. Ich nehme zwar immer noch Slipeinlagen mit, für den Fall dass, aber ich bin eigentlich ziemlich sicher, es passiert nichts. Ich freue mich, wenn ich sie nicht benutzen muss. Mir geht es gut!

Sie sind früher 20 oder 30 Mal am Tag auf die Toilette gegangen. Wie oft, würden Sie sagen, gehen Sie jetzt?

An einem Reisetag wie heute kann es sein, dass ich vier, fünf Mal bis mittags auf Toilette muss. In meinem Alltag muss ich höchstens achtmal am Tag Wasserlassen. Ich muss mein Leben nicht mehr nach der Toilette oder nach anderen Dingen richten. Ich kann jetzt wieder alles machen, was ich vorher nicht mehr konnte.